Klappentext: Der 20-jährige Jean-Philipp schwärmt nicht nur für hübsche Mädchen, auch junge Männer lassen ihn nicht kalt. 1960 verbringt er seinen Urlaub an der Costa-Brava und verliebt sich in den gleichaltrigen Kellner Rafael. Er zieht nach Spanien und betreibt mit dem Geliebten ein Strandlokal. Als Rafaels wahre Identität bekannt wird, besuchen sie dessen Großvater, Baron de Santana auf seinem Gut in den Pyrenäen ...
Humorvoll und mit großer Sympathie beschreibt der Autor seine Protagonisten und deren Umfeld. Berichtet über eine Liebesgeschichte der besonderen Art, möchte seine Leser in eine Welt entführen, in der sie nicht unbedingt zu Hause sind ...
Inhalt: Im Sommer 1960 verbringt der knapp 20-jährige Jean-Philipp seinen Urlaub an der Costa-Brava und verliebt sich dort in den gleichaltrigen Kellner Rafael Martinez. Der hübsche Spanier scheint jedoch unerreichbar. Aus Angst, als Homosexueller erkannt zu werden, gibt er den Mädchenverführer und zeigt dem Werben des jungen Deutschen zunächst die kalte Schulter. Enttäuscht zieht Jean-Philipp sich zurück, sucht und findet bei Gerd und dessen Kommilitoninnen Trost. Aber er gibt nicht auf, hofft weiter, ist fest davon überzeugt, sich nicht getäuscht zu haben. Eine innere Stimme sagt ihm, dass Rafael mehr für ihn empfindet, als er zugeben will.
Bei einem romantischen Tanzabend treffen sich die beiden rein zufällig und kommen sich näher. Nach einigem auf und ab der Gefühle kommt es zum entscheidenden Gespräch, bei dem sie sich ihre Liebe gestehen. In der folgenden Nacht gehen in einer stillen Bucht geheimste Träume und Sehnsüchte in Erfüllung. Pedro, wie Jean-Philipp von seinem neuen Freund nun genannt wird, findet bei Rafael jenen Halt, den er immer gesucht, aber nie gefunden hatte. Das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn der Urlaub geht zu Ende und Pedro muss zurück nach Hause. Beim Abschied verspricht er dem Geliebten, im nächsten Jahr wiederzukommen. Nach 3 Jahren, in denen sie sich nur sehen können, wenn Pedro den Urlaub in Santa Rosa verbringt, wird der unwürdige Zustand beendet: Jean-Philipp trickst seine Eltern aus, zieht nach Spanien und betreibt mit Rafael eine Strandbar.
Als Rafaels wahre Identität bekannt wird, kommt es beim Abendessen zur Begegnung mit Rafaels Großvater. Der Baron de Santana züchtet auf seinem Gut am Rande der Pyrenäen Schafe und Ziegen, pflanzt Bohnen und Tomaten an, ist einer der reichsten Grundbesitzer im Norden Spaniens. Der alte Mann droht mit Enterbung, wenn der Enkel nicht die Verbindung mit Pedro löst, das Abitur nachholt, ein Studium aufnimmt und eine entfernte Verwandte heiratet. Da Pedro vermeiden möchte, dass Rafael sich zwischen ihm und dem Großvater entscheiden muss, verlässt er das Gut und geht nach Deutschland zurück. Mit dem Wissen um die Problematik einer homosexuellen Beziehung in den 1960er Jahren beschreibt der Autor humorvoll und mit großer Sympathie seine Protagonisten und deren Umfeld. Ein Leseerlebnis für Menschen zwischen 18 und 80, die sich für eine Liebesgeschichte der besonderen Art begeistern können.
Leseprobe: (Schluss)
Rosalita hatte ein köstliches Menü zubereitet. Aber der Appetit war mir gründlich vergangen. Lustlos stocherte ich mich nach der Suppe durch Fisch, Braten, Käse, Gebäck, nippte aus reiner Höflichkeit an alten Weinen und exzellenten Likören. Beim Kaffee ließ der Baron uns wissen, was zu tun sei. »Sollte Rafael später einmal das Gut übernehmen wollen, muss er sich anstrengen. Als er die Schule verließ, stand er zwei Jahre vor dem Abitur. Da er ohne Schulabschluss nicht zur Universität zugelassen wird und ohne Diplom das Gut nicht führen kann, wird er nach den Weihnachtsferien die Schulbank drücken müssen.« Rafael schnaufte und der Alte erhob die Stimme: »Keine Ausflüchte, mein Freund, die Strandkarriere ist beendet. Mit dem Direktor habe ich gesprochen. Er ist zwar nicht begeistert, einen Schüler mit deiner Vorgeschichte bei sich aufzunehmen. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, er ist mir noch einen Gefallen schuldig.« »Einverstanden Abuelo, aber was macht Pedro in dieser Zeit?«, fragte Rafael besorgt. »Ich könnte das Lokal weiterführen oder nach Barcelona gehen«, warf ich ein, »bei ›Camino-Elektronik‹ würde man mich gewiss einstellen. Meine Kontakte zu den Leuten sind gut. Manchmal rufen sie an und fragen um Rat, wenn es ein technisches Problem gibt.« Rafael machte ein betrübtes Gesicht und der Baron sagte knallhart: »Ob Sie das Lokal allein weiterführen oder zu dieser Firma nach Barcelona gehen, spielt bei meinen Überlegungen keine Rolle. Für meinen Enkel gibt es nur zwei Alternativen: Trennung, Schule, Abitur, Studium und alsbaldige Vermählung mit seiner Verlobten Baronessa Consuelo de Santana, einer Cousine zweiten Grades oder ein Lotterleben mit Ihnen ohne Zukunft und ohne meine finanzielle Unterstützung. Er hat bis morgen früh Bedenkzeit.« An mich gewandt fuhr er fort: »Persönlich habe ich nichts gegen Sie, es sind die Umstände, die mich zu derart harten Forderungen zwingen. Das Haus in Santa Rosa gehört mir. Sie können weiterhin über die Wohnung und die darin befindliche Einrichtung verfügen. Mein Büro wird Ihnen in den nächsten Tagen einen Mietvertrag zukommen lassen. Heute könnt ihr hier übernachten. Man hat oben zwei Zimmer gerichtet. Rafael du kennst dich aus, zeig bitte deinem Begleiter alles. Gute Nacht meine Herren.« Sprach’s und war verschwunden.
Bei dem Wort »Verlobten« wäre ich fast vom Stuhl gekippt. Was war geschehen, dass mich Rafael derart hintergangen hatte? Bei der Herfahrt war ich schon über den Namen gestolpert. Nun fiel es mir wieder ein, wo ich ihn schon einmal gehört hatte: vor zwei Jahren, auf der Terrasse des Cafés am Bahnhof in Santa Rosa. Bevor es zu lästigen Fragen durch mich, und damit zum Zusammenbruch des ganzen Lügengespinstes gekommen wäre, hatten der alte Ruiz und Carlos die Baronessa aus dem fernen Baskenland schnell in Sicherheit gebracht. Jene junge Dame, die sich bei Rafael am nächsten Tag angeblich nach dem Weg erkundigt hatte. Ich konnte keinen Augenblick länger mit ihm in einem Raum bleiben und machte mich auf die Suche nach meinem Nachtquartier.
Das Zimmer war kalt und ungemütlich, düster und dunkel. Ein riesiges Bett, klamme Bettwäsche, verstaubte Gobelins und muffige Brokatvorhänge – eine bedrückende Atmosphäre. Mir war kalt und ich hatte Angst vor der Zukunft. Das knarrende Geräusch der Zimmertür ließ mich aufhorchen, leise Schritte nackter Füße näherten sich, ein warmer Leib huschte zu mir. Eine vertraute Stimme flüsterte: »Zieh den Schlafanzug aus, ich will deine Haut spüren, wir wollen uns gegenseitig wärmen.« Ich hätte den verdammten Mistkerl aus dem Bett werfen müssen, aber einmal mehr siegte mein Verlangen nach ihm über den Verstand. Seine zärtlichen Hände und weichen Lippen brachten mein wachsendes Fleisch zum Schwellen. Ein letztes Mal hörte ich das Meer rauschen, sah das silberhelle Licht des Mondes sich auf den Wellen spiegeln, genau wie damals in der Bucht.
An Schlaf war nicht zu denken, ich fand keine Ruhe. Ruhig und gleichmäßig atmete Rafael neben mir. Was hatte er kurz vorm Einschlafen gesagt: »Der Alte kann mich mal. Soll er sich seinen Bauernhof sonst wohin stecken. Morgen fahren wir zurück nach Santa Rosa. Für uns wird sich nichts ändern, von wegen meine Cousine heiraten.« Aber mein Vertrauen war zerstört, zu oft hatte er mit der Wahrheit gespielt. Aus seiner Sicht vielleicht nur harmlose Notlügen. Trotzdem, seine Feigheit war unentschuldbar. Hatte ich nicht selbst vor wenigen Tagen seinetwegen mit den Eltern gebrochen? Warum tat er nicht das Gleiche? Warum zog er den Schwanz ein. Warum brachte er nicht den Mut auf, dem alten Sturkopf klipp und klar zu sagen, was ihm unsere Beziehung bedeutete. War er den Lockungen von Reichtum und Karriere erlegen?
Leise packte ich meine Siebensachen, bestellte unten in der Halle ein Taxi mit der Order, nicht auf das Gelände zu fahren, sondern an der Einfahrt auf mich zu warten. Im Osten begann es zu dämmern und ich fror erbärmlich. Umgedreht habe ich mich nicht mehr. Wer zurückblickt, kommt wieder, heißt es. Ich wollte nicht wiederkommen. Ich wollte weg, schnell weg. Traurig und verletzt, in der Hand die Reisetasche ‒ momentan mein einziger Besitz ‒ kam mir plötzlich Eichendorff in den Sinn: »Und meine Seele spannte, weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.« Doch wo sind wir zu Hause, wir Wanderer zwischen den Geschlechtern?
* IV Ich habe ihn und sein Land nie mehr wiedergesehen. Nach drei Monaten brachte eine Spedition meine Sachen und das Büro des Barons überwies einen Betrag, der sich aus der Auflösung unserer Wohnung und der Übernahme der Hütte durch Alonzo ergab. Nun hatte sich der alte Gauner die »chica Cabaña« doch noch unter den Nagel gerissen. Mir war’s egal ...